19.01.2026
Gubener AWO Gründerin Renate Bossack mit Regine-Hildebrandt-Medaille ausgezeichnet

Seit 2007 werden Menschen, die sich in besonderer Weise um die Werte der Arbeiterwohlfahrt in Berlin und Brandenburg verdient gemacht haben, mit der Regine-Hildebrandt-Medaille im Rahmen eines Neujahrskonzerts ausgezeichnet. In Anwesenheit des brandenburgischen Ministers für Wirtschaft, Arbeit, Energie und Klimaschutz Daniel Keller sowie Jörg und Frauke Hildebrandt, wurde die Gubener AWO Gründerin Renate Bossack in diesem Jahr im Nikolaisaal in Potsdam mit dieser Auszeichnung geehrt. Die stellvertretende Vorsitzende des AWO Bezirksverbands Brandenburg Süd e. V., Tina Fischer, MdL, hielt die Laudatio für Renate Bossack:

Sehr geehrte Damen und Herren,

heute würdigen wir mit dem Regine-Hildebrandt-Preis eine Frau, deren Leben und Wirken sich in einem außergewöhnlichen Maße durch Mut, Weitsicht und unerschütterliches Engagement auszeichnen. Renate Bossack, geboren am 3. Juni 1942 und wohnhaft in Guben, hat ihr Leben der Stärkung der Gemeinschaft und der Würde aller Menschen gewidmet – besonders jener, die im Alltag am Rand und somit nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Als studierte Betriebswirtin und gelernte Handelskauffrau legte sie früh den Grundstein für eine bemerkenswerte Berufslaufbahn. Von 1975 bis 1980 studierte sie Ingenieurökonomie an der Ingenieurschule Dippoldiswalde und ergänzte ihr Profil durch ein Fernstudium in Finanzen. Diese Kombination aus analytischer Klarheit und wirtschaftlicher Weitsicht prägte ihr Handeln aus dem Blickwinkel des Machbaren, Fortschrittlichen und Fairen.

Bereits ab 1973 übernahm sie Verantwortung als Produktionsleiterin und später als Betriebsdirektorin des VEB Getränke Guben. In den Umbrüchen der Wiedervereinigung zeigte sie Führungsstärke, suchte neue Wege, und führte das Unternehmen durch schwierige Zeiten. Doch ihr Blick ging über den wirtschaftlichen Erfolg hinaus: Sie setzte sich zugleich für das Gemeinwesen ein, als sich Familie und Gesellschaft wandelten und neue Horizonte eröffneten. Renate Bossack sah damals bereits Dinge, die andere nicht sahen: Möglichkeiten.

In dieser Zeit der Umbrüche gründete sie 1991 mit anderen Gubenerinnen und Gubenern den ehrenamtlichen Fremdenverkehrsverein, der die Gubener Apfel-Tradition wiederaufleben ließ und so Gastronomie, Tourismus und Kultur nachhaltig stärkte. Das Apfelfest, dessen Rückkehr sie maßgeblich vorantrieb, wurde zur generationenverbindenden Begegnung – ein Symbol dafür, wie kulturelle Vitalität und soziale Infrastruktur Hand in Hand gehen können. Nach einem schweren persönlichen Tiefpunkt 1994, der durch eine Operation und wirtschaftliche Belastungen gekennzeichnet war, zeigte Renate Bossack erneut ihren Mut: 1996 trat sie als Macherin der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Guben in Erscheinung und gründete den AWO-Ortsverein Guben. Von da an war ihr Wirken von sozialer Verantwortung, Mitgefühl und der festen Überzeugung getragen, dass soziale Infrastruktur kein Luxus, sondern Grundversorgung ist.

Es folgten bedeutende Initiativen: So initiierte sie 1999 den ersten Gubener Gesundheitstag– eine Veranstaltung, die bis heute Teil des städtischen Lebens ist. Partnerschaften mit der Heilsarmee in Guben und dem Verein „Gubfrau“ legten die Grundlage für ein solidarisches Netz. 2001 wurde das Parkfest in der Platanenstraße ins Leben gerufen – eine Verbindung aus sozialem Engagement und kultureller Lebensqualität, die bis heute nachwirkt.

Der Schritt in die Weiterentwicklung sozialer Infrastruktur setzte sich fort: 2015 erwarb die AWO den ehemaligen Schlecker-Markt, 2016 eröffnete dort die Tagespflege – ein Meilenstein, der Begegnung und Teilhabe. Zum ersten Mal entstand am Standort eine Begegnungsstätte, die Veranstaltungen mit über 60 Personen ermöglichte– ein Paradebeispiel dafür, wie Engagement konkrete Lebensqualität schafft. Renate Bossack begleitete diese Entwicklung ehrenamtlich mit unermüdlichem Einsatz.

Ihre Herzensangelegenheit bleibt die Stärkung der sozialen Infrastruktur in Guben, vor allem angesichts des hohen Pflegebedarfs in der Stadt. Sie setzt sich seither unermüdlich dafür ein, dass mobilitätseingeschränkte ältere Menschen am Leben teilhaben, aktiv bleiben und Würde erfahren können. Ihre Arbeit ist eine fortlaufende Investition in Gemeinschaft, Solidarität und Lebensqualität über Generationen hinweg.

Renate Bossack hat sich durch lebenslanges, engagiertes Wirken um die soziale Infrastruktur in Guben und Umgebung herausragend um das Gemeinwesen verdient gemacht. Trotz wirtschaftlicher Rückschläge, gesundheitlicher Tiefpunkte und wirtschaftlicher Belastungen hat sie immer wieder neue Wege gefunden, Menschen zu unterstützen, zu verbinden und Teilhabe zu ermöglichen. Vom Wiederaufleben der Gubener Apfel-Tradition über den Gesundheitstag bis zur Tagespflege und Begegnungsstätte – sie zeigt, wie nachhaltiges, menschenorientiertes Handeln konkrete Lebensqualität schafft.

Mit ihrem Mut, ihrem Durchhaltewillen und ihrer visionären Aufbauarbeit verkörpert Renate Bossack die Werte der Regine Hildebrandt. Mit Solidarität, sozialer Gerechtigkeit und dem Mut zu Innovation sowie der festen Überzeugung, dass eine lebendige Gesellschaft ohne starke soziale Infrastruktur nicht existieren kann, geht Renate Bossack auf die sich ständig verändernden Problemlagen zu.

"Ruhestand" ist eine Vokabel, die im Lebenslauf und im Lebensvollzug der Renate Bossack, trotz ihres Lebensalters, bis heute nicht vorkommt. Sie ist ständig in Bewegung im Engagement für andere Menschen und gibt keine Ruhe, wenn es um die Benennung und Lösung von aktuellen Problemlagen geht. Dabei fordert sie nicht nur Verantwortungsträger und ihre Institutionen heraus, nein, sie leistet auch ihren persönlichen Beitrag und motiviert Menschen ebenfalls zu ihrem eigenen Einsatz. Ihre Auszeichnung würdigt daher nicht nur ihr außergewöhnliches Lebenswerk, sondern setzt ein inspirierendes Zeichen für kommende Generationen.

All dies ist nicht nur preiswürdig, sondern auch in der Tradition von Regine-Hildebrandt, weshalb die Regine-Hildebrandt-Medaille für Renate Bossack nur folgerichtig ist.