31.03.2022
AWO hilft - Gedanken eines Kollegen

Unser Kollege, Ulrich Thorhauer, zögerte nicht eine Sekunde. Genauso wenig, wie weitere Kolleginnen und Kollegen. Doch was machen seine Erfahrungen mit ihm und vielleicht auch anderen Menschen? Er hat seine Gedanken niedergeschrieben und teilt sie mit uns.

Es soll hier nicht einfach ein Bericht zu der Fahrt mit Hilfsgütern an die polnisch-ukrainische Grenze sein. Das machen gerade sehr viele Menschen und ist aus meiner Sicht nicht wirklich der Rede wert. Es soll insbesondere widerspiegeln, was diese Fahrt mit mir gemacht hat und vielleicht die Erlebnisse und Gedanken anderer Helfenden zeigt.

Zuerst, als ich am Mittwoch letzter Woche gefragt wurde, einen Transport von medizinischen Gütern für die Ukraine durchzuführen, habe ich spontan zugesagt und weitere Menschen angesprochen sowie die notwendigen Kleinbusse organisiert. Die Beladung und die Fahrt an die polnisch–ukrainische Grenze war ein beeindruckendes Zeugnis einer gelungenen Netzwerkarbeit zwischen dem AWO Bezirksverband Brandenburg Süd e. V., der Wohnungsgesellschaft „Der Luckenwalder“, verschiedener weiterer Partner aus der Wirtschaft sowie Privatpersonen.

Die Lieferung von medizinischen Gütern war für ein Kinderkrankenhaus in der Region Charkiw bestimmt. Eine Region, welche schon seit Beginn der russischen Kriegshandlungen unter Beschuss steht.

Der Donnerstag verging mit Katalogisierung der Hilfsgüter, der Erstellung der Frachtlisten und der Beladung der beiden Kleinbusse. Am nächsten Tag ging es auf Tour an die polnisch-ukrainische Grenzübergangsstelle Korczowa-Krakowez, 761 km oder 8 Stunden östlich von Lübbenau/Spreewald. Die Fahrt dahin verlief ruhig, auffällig waren nur viele Kleintransporter mit Kartons voller Hilfsgüter. Ansonsten war mein Eindruck, dass das Leben seinen normalen Gang geht.

Doch bereits 100 km vor der Grenze veränderte sich die Situation: links und rechts der Autobahn konnten wir neue Luftabwehrsysteme erkennen und auf mehreren, nahe der Autobahn gelegenen Flugplätzen, waren militärische Transportmaschinen auszumachen.
Kurz vor dem Grenzübergang beobachteten wir weitere mobile Flugabwehrsysteme. Ein sehr sicheres Zeichen dafür, dass Nato und EU vorbereitet sind. Das beruhigt und macht Angst zugleich.

Nach der Ankunft am Grenzübergang musste mit Hilfe der freundlichen, aber bestimmten polnischen und ukrainischen Grenzschützer die Übergabe organisiert werden. Uns kam hier zu Hilfe, dass einer unserer Mitfahrer wirklich sehr gute Englisch-Kenntnisse hatte.
Die Übergabe selbst fand auf Gebiet des Grenzüberganges statt.
Und hier setzen jetzt die Erlebnisse ein, welche emotional sehr schwer zu verarbeiten sind.

Über den Grenzübergang kam auch am Freitagabend ein immerwährender Strom von Kriegsflüchtlingen, meist junge Frauen mit kleinen Kindern oder ältere Menschen. Die polnischen Behörden und Hilfsorganisationen zeigten an diesem Grenzübergang eine sehr gut funktionierende Organisation. Menschen kommen an, bekommen Tee und etwas zu essen und werden mit Pendelbussen zum nächsten Bahnhof bzw. Registrierungspunkt befördert. Dafür gilt den polnischen Menschen unser und insbesondere mein Dank! Dennoch gehen mir die Bilder nicht aus dem Kopf. Es ist so unwirklich, Mütter mit ihren Kindern kommen wie auf einer Urlaubsfahrt mit Alltagskleidung und leichtem Gepäck. Kinder haben ihre Puppe oder einen Teddy auf dem Arm. Aus mitgehörten Gesprächen geht hervor, dass die Väter bzw. Partner im Kriegsgebiet zurückgeblieben sind. Und keiner von ihnen weis, wann dieser Wahnsinn vorbei ist.

Und als dann ein Hubschrauber, ohne Positionslichter landet und kurz darauf wieder startet, Krankenwagen mit Blaulicht die Grenze passieren und ein Konvoi einer UN-Organisation unter Polizeigeleit die Grenz passiert, habe ich realisiert, dass dieses Leid, dieser Krieg nicht im Fernsehen weit weg ist, sondern nicht mal einen halben Tag im Auto mitten in Europa Realität ist. Da sterben Menschen, darunter auch Kinder mitten in Europa und Menschen mitten in Europa werden aus ihren Lebensträumen und Lebensplanungen gerissen und müssen um ihr nacktes Überleben fürchten. Und ich habe realisiert, der Krieg ist wieder in Europa, bei uns angekommen.

Und ja, ich habe Angst! Ich habe Angst davor, dass wir Menschen mit Kriegen und egoistischem Verhalten unsere eigenen Lebensgrundlagen auslöschen. Wir brauchen jetzt alle Kraft, um diesen Wahnsinn zu beenden und den Millionen Kriegsopfern bei der Bewältigung ihrer Situation zu helfen. Denn wir waren zufällig nur die ersten, welche diese Fahrt gemacht haben. Am Samstag und vielen weiteren Tagen wurden noch vielmehr Spenden an die polnische-ukrainische Grenze befördert. Für diese Erkenntnis bedanke ich mich auch bei meinen drei Mitfahrern, für ihre uneigennützige Hilfe!

Nachdenklich
Ulrich Thorhauer